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Vierteljahresliste 4/2005

Yehudi Menuhin in "Concert Magic"

Mit: The Story behind "Concert Magic"

Yehudi Menuhin im Gespräch mit Humphrey Burton über

"Concert Magic"

1947 wurde in Hollywood der erste Konzertfilm in der Filmgeschichte mit Yehudi Menuhin u. a. gedreht. Als der Film 1948 in die Kinos kam, reagierte das Publikum begeistert. Es applaudierte nach fast jedem Musikstück wie im Konzertsaal. Als der Filmvorführer am Ende des Films Zugaben einspielte, war die Begeisterung grenzenlos.

Auf der 2. DVD sieht und hört man Yehudi Menuhins 1. Einspielung vom Mendelssohn-Violinkonzert und Musikstücke, von denen heute nicht einmal der Musikforschung bekannt ist, dass Menuhin diese Stücke jemals gespielt hat.

50 Jahre später sehen sich Lord Menuhin und Humphrey Burton (Regisseur sämtlicher Leonard Bernstein Konzertaufnahmen und Menuhin-Biograf), den Film CONCERT MAGIC und das Mendelssohn Violinkonzert an. Lord Menuhin kommentiert bewegt seine Spieltechnik, erinnert sich, warum er die jeweiligen Musikstücke ausgewählt hat, spricht über Komponisten und über die Zeit, in der die Filme entstanden sind.

Wie fast alle vor 1952 gedrehten Filme war auch CONCERT MAGIC auf leicht entflammbarem und hochexplosivem Nitro-Filmmaterial weltweit in den Kinos gezeigt worden. Mitte der fünfziger Jahre setzte sich nach vielen Kinobränden das Safety-Filmmaterial (Acetat-Filmmaterial) durch. Die Umkopierkosten auf Safety-Material waren zu hoch, der Konzertfilm CONCERT MAGIC verschwand im Archiv der "Stiftung Deutsche Kinemathek" in Berlin. Hier wurde er bei der Idealtemperatur um plus 5 ° in einem ehemaligen Luftschutzbunker gelagert und umsorgt.

Nitro-Filmmaterial unterliegt neben der Zersetzung einem Schrumpfungsprozess. Um einen Film im Filmgeber transportieren zu können, hat jeder Film rechts und links Perforationen. Schrumpft der Film, passen die Perforationen nicht mehr über den Filmgeber, der Film ist vernichtet. Von Zeit zu Zeit muss der Film daher belüftet und umgespult werden. Bei wärmeren Temperaturen kann sich das Filmmaterial in der geschlossenen Filmbüchse zu einem hoch explosiven Sprengstoff verändern.

Als Paul Gordon mir Anfang der achtziger Jahre das Tor zu seinem Filmstock öffnete, war ich wie gelähmt. Da gab es rund 1.600 Filmbüchsen (etwa vier bis fünf Büchsen ergeben einen abendfüllenden Spielfilm). Nur auf wenigen stand der Titel von dem Film, der in der Büchse sein musste. Überwiegend waren die Büchsen nur mit Nummern versehen. Paul Gordon konnte sich auch nicht mehr an den Schlüssel für sein System erinnern. Mit aufgekrempelten Hemdsärmeln öffnete ich wahllos eine Filmbüchse, um am Schneidetisch nach dem Titel zu forschen. Es war schrecklich. In der einen Büchse waren zwei Filme aufeinander gewickelt. Beide ohne Titel. Mein Mut, hier Klarheit zu schaffen, sank auf Null.

Jahre später, nach unermüdlichem Aktenstudium, Paul Gordon war derweil verstorben, fand ich ein gewisses System in den Nummerierungen. Umgehend wollte ich die Zahlen mit Titeln und Büchsen überprüfen. Für jede Filmsichtung allerdings musste zunächst ein erfahrener Cutter und ein für Nitrofilm geeigneter Schneideraum gefunden und gemietet werden. Außerdem durfte wegen der Brand- und Explosionsgefahr nur eine begrenzte Anzahl von Filmbüchsen in den Schneideraum gebracht werden. Eine mögliche Filmsichtung zog sich hin. Erschwerend kam hinzu, dass nach der Wende alte Filme aus dem Staatsarchiv der DDR ebenfalls dringend umkopiert werden mussten. Somit waren nur selten geeignete Schneideräume frei .

Dann endlich hatte ich einige richtige Büchsen zu den entsprechenden Filmen erkannt. Nun konnte ich gezielt sichten. Ich fand CONCERT MAGIC. Meine größte Sorge war der Zustand des Filmmaterials. War es nach diesen Jahren geschrumpft, zersetzt? Eine Prüfung ergab: es war bestens gehegt und gepflegt worden. Aber würde es weiterhin in diesem Zustand bleiben? Ich ließ den Film zunächst im Bundesarchiv auf VHS-Videokassette umkopieren und fragte bei den deutschen Fernsehanstalten an, ob Interesse bestehen würde, den historischen Film zu senden. Ich suchte Partner, die mit mir die enormen Umkopier- und Restaurationskosten tragen würden. Das Filmmaterial wollte ich unbedingt retten. Aber es hagelte Absagen. Ein Programmdirektor fragte sogar seinen Musikredakteur: "Kann man Menuhin noch im Fernsehen zeigen, nachdem er bei Gottschalk aufgetreten ist?"

Ich beriet mich mit Freunden. Sie schlugen vor, den Film auf VHS-Kassetten auf den Markt zu bringen. Menuhin sollte ein Grußwort dazu schreiben. Die DVD hatte zu diesem Zeitpunkt zwar die erforderliche Speicherkapazität, Scheibe und Abspielgeräte aber waren noch zu teuer. Die Idee mit Menuhins Grußwort ließ mich nicht los. Ich stellte mir vor, dass Menuhin sich den Film ansieht und etwas über den Film erzählt. Ich rief ihn an, wir vereinbarten ein Treffen in Berlin. Ich erzählte Lord Menuhin von dem Film und fragte, ob er sich vor laufenden Kameras den alten Film ansehen würde. Er war von der Idee begeistert. Dann sagte er: "Ich habe jetzt beinah 50 Jahre auf der gesamten Erde nach meiner ersten Einspielung von Mendelssohns Violinkonzert gesucht. Der Dirigent ist Antal Dorati. Könnte es sein, dass der Film auch bei Ihnen liegt?" Ich versprach, danach zu suchen.

Wieder half nur intensives Aktenstudium. Ich musste die Wahrscheinlichkeiten eingrenzen. Am Ende stand eine Auswahl von 65 Büchsen zur Verfügung. Aber es gab keinen freien Termin für einen Schneideraum. Es dauerte. Endlich kam der ersehnte Anruf. Wir hatten 3 Tage Zeit. Das war nicht viel. Aber besser als kein Termin. Mein kluger musikalischer Berater Karl Gabriel von Karais kam nach Berlin und unterstützte meine Suche. Gleich am ersten Tag geschah dann das, wovor man sich bei Nitro-Material immer fürchtet: Ich öffnete eine große Filmbüchse. Ätzend säuerlicher Gestank füllte den Raum. Die erfahrenen Mitarbeiter im Schneideraum reagierten beherrscht und blitzschnell. Die Fenster wurden aufgerissen, die Filmrolle kam auf eine Umspulung, eine Cutterin spulte den Film um und trocknete ihn dabei gleichzeitig behutsam mit einem speziellen Tuch. Der Kern der Filmspule war in einem Zersetzungsprozess und sonderte eine klebrige Masse ab. "Hoffentlich ist es nicht das Violinkonzert", dachte ich aufgeregt. Es war ein anderer Film: Rudolf Schock, Opernarien, gedreht um 1950. Glücklicherweise noch unbeschädigt. Der Kern wurde ausgetauscht und weiter ging die Suche. Es folgten Konzerte mit den Dirigenten Karl Böhm und Josef Krips. Kein Menuhin. Aber dann: am 3. Tag fanden wir das Mendelssohn Violinkonzert auf einer anderen Filmrolle mitaufgespult. Freude und Erleichterung. Ich rief Menuhin an. Auch er freute sich riesig und wollte es gleich sehen. "Ja", sagte ich, "wenn die Kameras dabei sind."

Humphrey Burton musste ich nicht lange überreden. Auch er war von der Idee begeistert. Ein Studio wurde gemietet und nach zwei Tagen war das Gespräch mit Lord Menuhin und Humphrey Burton abgedreht.

Nun musste das historische Filmmaterial noch umkopiert werden. Der Ton war Lichtton. Das Material wurde gereinigt und aufwendig restauriert. Danach wurde es auf Safety-Material kopiert, danach wurde es digitalisiert. Und jetzt liegen der 1947 gedrehte erste Konzertfilm CONCERT MAGIC und das MENDELSSOHN VIOLINKONZERT auf DVD vor.

Bonus: Die Geschichte zum "Zauberkonzert"

Produktion Bernd Bauer

Idee & Buch Bernd Bauer

Regie Bernd Bauer

Kamera 1: Benno Bauermeister, Kamera 2: Alexander Heinze

 

(Am 3. Februar 2009 wäre Felix Mendelssohn Bartholdy 200 Jahre alt geworden.)

Bonus Films: A Violinist in Hollywood

On the Encores

Produktion Bernd Bauer

Idee & Buch Bernd Bauer

Regie Bernd Bauer

Kamera 1: Benno Bauermeister, Kamera 2: Alexander Heinze

Die DVD's sind ab sofort im Handel erhältlich.

' Yehudi Menuhin violin ' plays Mendelssohn Neuauflage

Classic Archive

Ab April 2010 im Handel erhältlich.

© Bernd Bauer Verlag

Filmausschnitte
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Pressestimmen von 1950

Fono Forum Dez. 2005

Rondo Magazin Dez. 2005

Kontakt

Auf dieser DVD findet sich sowohl das ganze "Zauberkonzert", das Yehudi Menuhin 1947 in den Hollywood-Studios aufnahm, als auch (unter den Extras der DVD) ein Gespraech mit Menuhin 50 Jahre spaeter.
Das "Zauberkonzert" wurde von Menuhin trotz anfaenglicher Skepsis Hollywood gegenueber, aufgenommen, um mehr Menschen an klassische Musik heranzufuehren. Der Zuschauer erlebt etwa 20 Violin-, Gesangs- oder Klavierstuecke von Bach, Wieniawski, Schubert, Beethoven, Paganini et al. aus verschiedenen Kameraperspektiven und in verschiedenen Raeumlichkeiten. Einmal steht Menuhin in einem Jahrhundertwendezimmer, ein anderes Mal neben einem Fluegel in einem ganz leeren Raum, einmal ist er vom Orchester umgeben. Die Kamera blickt von der Seite, von oben oder auch auf den Pianisten und laesst uns die Finger, Gesicht und Gesamtbewegung der Musiker hautnah mitempfinden. Die Saengerin Eula Beal ueberzeugt mit einem warmen und vollen Alt. Zu besonderer Groesse erwaechst dabei das von Eula Beal gesungene und von Menuhin und dem Hollywood-Orchester begleitete "Erbarme dich" aus Bachs Matthaeuspassion - ohnehin schon ein unvergleichliches Stueck findet es hier eine Umsetzung, die (im allerbesten Sinne) an die Grenzen der Aufnahmetechnik der damaligen Zeit zu reichen vermag, in ihrem kraftvollen ueberwaeltigenden Glanz.
Die Aufnahme ist ein einzigartiges Juwel der Musikgeschichte: Perlen der klassischen Musik, sowie aber auch Taenze und Unterhaltsames, verbunden mit Menuhins einfuehlsamer Spielweise und unserem direkten Blick auf seine Finger oder die des Pianisten: Ein herrlicher Film.
Das unter den Extras zusaetzlich aufgenommene spaete Interview mit Menuhin bildet eine gute Ergaenzung, er sieht sich selbst darin zum ersten Mal wieder und wir duerfen mit ihm seinen Erinnerungen und Impressionen folgen.
Eine ungewoehliche und besondere DVD. Absolut hoerens- und sehenswert.

Von V. Spillner

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