Meldung in: DER SPIEGEL, 12.3.1999:

Geiger Yehudi Menuhin gestorben

Lord Yehudi Menuhin, der wohl berühmteste Geiger des 20. Jahrhunderts, ist tot. Er starb während einer Konzertreise in Berlin.
 

Berlin - Yehudi Menuhin erlag am Freitag mittag im Alter von 82 Jahren in einem Berliner Krankenhaus nach einer fiebrigen Bronchitis einem akuten Herzversagen, teilte seine Berliner Konzertdirektion Hans Adler mit. In der Bundeshauptstadt wollte Menuhin am vergangenen Dienstag ein Konzert der Sinfonia Vasovia mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms dirigieren.

Der am 22. April 1916 in New York geborene Musiker, der zunehmend auch als Dirigent auftrat, wurde bereits im Alter von sieben Jahren international gefeiert. Zehnjährig hatte er den ersten sensationellen Auftritt in Europa. Mit zwölf nahm Menuhin erste Platten auf.

Seit sieben Jahrzehnten reiste er für Musik und Völkerverständigung um den Erdball. Sein Engagement galt dabei auch immer wieder dem musikalischen Nachwuchs und auch weniger aufgeführten Musikwerken wie der indischen Musik. Nach 1945 war er unter den ersten, die den Deutschen die Hand zur Versöhnung reichten. Menuhin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den höchsten deutschen Orden, das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik, und die Otto-Hahn-Friedensmedaille.

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Portrait: Mehr als ein Wunderkind

Yehudi Menuhin war auch auf dem politischen Parkett zu Hause. Er setzte sich für Menschenrechte ein, half Kriegsopfern und Flüchtlingskindern und trat für die Sanierung verrotteter Stadtzentren in der DDR ein. Zuletzt hatte er einen Solidaritätsbrief an Bill Clinton unterzeichnet.

London - Eine richtige Schule hat er nie besucht, seine akademischen Ehrentitel sind kaum zählbar, vor Königin Elizabeth II. demonstrierte er einmal auf dem Kopf stehend eine Yoga-Übung. Ein ungewöhnlicher Mensch war Yehudi Menuhin, der am Freitag im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben ist, auf jeden Fall, vor allem aber einer der größten Geiger dieses Jahrhunderts. Und zudem ein Künstler, der zeitlebens bemüht war, etwas zu einer besseren, glücklicheren und friedvolleren Welt beizutragen.

Menuhin wurde am 22. April 1916 in New York als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren. Im Alter von sieben Jahren debütierte das Wunderkind vor 9000 Besuchern in San Francisco mit einer einfühlsamen Interpretation von Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert. Als er zehn war, spielte er in Paris, mit elf in der New Yorker Carnegie Hall und mit 13 in der Berliner Philharmonie unter Bruno Walter. Er spielte mit instinktiver Sicherheit, und sein älterer Kollege Jascha Heifetz sagte einmal, es sei reines Glück, daß er nicht ein Opfer der "Wunderkinderkrankheit" geworden sei.

Seine ehrgeizige und beschützende Mutter hielt das "richtige Leben", wozu auch Schulen und Mädchen gehörten, von ihrem Sohn fern. Das junge Genie wurde auf seinen Tourneen von einem Privatlehrer begleitet. "Auf gewisse Weise bedeutet mein Mangel an üblicher Ausbildung auch, daß ich mich von Details distanzieren kann und einen breiteren Blick auf die vor uns liegenden Probleme habe", sagte er einmal. Der Geiger hat sie alle gekannt, er hat mit allen und für alle gespielt - Toscanini, Busch, Furtwängler und auch Karajan. Nachdem Menuhin in Berlin Bach, Beethoven und Brahms gespielt hatte, sagte Albert Einstein: "Nun weiß ich, daß es einen Gott im Himmel gibt."

Als er 19 war, hatte der Geiger seine erste Krise. 110 Konzerte mußte er bei einer Welttournee geben, danach fühlte er sich ausgebrannt und leer, zog sich anderthalb Jahre zurück und verlor - wie manche Kritiker beobachtet haben wollen - seine intuitive Sicherheit, an deren Stelle technische Perfektion trat.

Der Jude Menuhin hatte eine besonders freundliche Beziehung zu Deutschland und den Deutschen, insbesondere auch nach dem Ende des Dritten Reiches, als er versöhnend wirkte. Er liebte nicht nur die großen deutschen Komponisten, er schätzte Bruno Walter, und Adolf Busch war einer seiner Lehrer, der ihm freilich niemals die methodischen Grundlagen des Geigenspiels beibringen konnte, denen sich das Ausnahmetalent Menuhin schlicht entzog.

Menuhin verstand sich stets als politischen Menschen, der mit seiner Kunst mehr als nur schöne Töne bewirken wollte. Für die Menschenrechte setzte er sich auch in der UdSSR und in China ein, als das unpopulär war. In mehr als 500 Konzerten spielte Menuhin während des Zweiten Weltkriegs für die alliierten Streitkräfte und für das Rote Kreuz. 1945 trat er vor den Befreiten des KZs Bergen-Belsen auf, im zertrümmerten Berlin spielte er demonstrativ unter dem angefeindeten Wilhelm Furtwängler. Honorare vieler Konzerte in der Nachkriegszeit stellte er für deutsche Flüchtlingskinder zur Verfügung. Und Menuhin war der erste, der nach dem Krieg in Jerusalem mit Werken deutscher Komponisten auftreten konnte. Im Dezember 1989, die Berliner Mauer war gerade gefallen, spielte Menuhin mit der Ost-Berliner Staatskapelle.

Menuhin, seit 1985 britischer Staatsbürger und von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben war zutiefst von seinen Erlebnissen in den befreiten Lagern im Deutschland nach dem Krieg beeindruckt. "Ich sah zum ersten Mal, was die Musik mit Menschen tun konnte. Dies war eine Erfahrung, die mich verändert und inspiriert hat", sagte er.

Der Mann, für den Musiker wie Bela Bartok Kompositionen schrieben, suchte immer wieder nach neuen Erkenntnissen über die klassischen Musikkonventionen hinaus. Unvergessen sind seine gemeinsamen Aufnahmen mit dem französischen Jazz-Geiger Stéphane Grappelli. Er liebte das Geigenspiel der Zigeuner. Seit den 60er Jahren dirigierte er immer häufiger und trat in den letzten Jahren nicht mehr öffentlich als Geiger auf.

Wenn es darum ging, gute Werke zu tun, war der Künstler immer zur Stelle. Mehrere Schulen und Musikstiftungen hat Menuhin ins Leben gerufen, um den Nachwuchs zu fördern. Aber auch gesonderte Projekte, um Behinderten, Sozialschwachen und Alten ebenso wie gewalttätigen Kindern Zugang zur Musik zu verschaffen. "Meine These ist, daß das einzige Mittel gegen Kriminalität darin besteht, mit Musik eine Atmosphäre von Hoffnung, Vertrauen und Freude zu schaffen", meinte er einmal. Ein bedeutender Musiker, aber auch ein großer Humanist und Philanthrop ist mit Menuhin gestorben.

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